Meine Interviews mit Alle Farben und Matthias Reim

Die folgenden Interviews mit Alle Farben und Matthias Reim habe ich zusammen mit Jakob Buhre von Planet Interview geführt.

 

Alle Farben

Das Interview ist am 23.05.2014 in der Leipziger Volkszeitung erschienen.

„Jetzt ist die Zeit für Selfmade-Leute“

Frans Zimmer alias DJ Alle Farben spricht im ausführlichen Interview über sein erstes Album, Hits vom Hinterhof und Zugaben bei seinen Auftritten.

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Frans, seit etwa fünf Jahren bist du sehr erfolgreich als DJ Alle Farben unterwegs und hast nebenher eigene Tracks und Remixe produziert. Jetzt kommt dein Album „Synesthesia“ raus. Würdest du sagen, dass deine Musik erwachsener geworden ist?
Frans Zimmer: Definitiv.

Woran merkt man das?
Zimmer: Ich mache mehr Songs als Tracks und es gibt immer mehr Inhalte in meiner Musik.

Ein reiner „Tool“-Song für den Club ist also nicht mehr dein Anspruch?
Zimmer: Ich würde nicht sagen, dass es nicht mehr mein Anspruch ist, denn Techno ist sehr anspruchsvoll, wenn man weiter ins Detail geht. Die Künstler, mit denen ich bei meinem Album zusammengearbeitet habe, sagen immer: „Techno kommt der Klassik am nächsten.“ Im Techno bist du aber viel freier – du bewegst dich außerhalb von Strophen und Refrains, kannst Geschwindigkeiten wechseln und arbeitest viel mehr mit Klängen als mit Noten.

In der zeitgenössischen Klassik haben sich die Leute doch aber schon lange von den Strukturvorgaben emanzipiert, im Techno dagegen herrscht der 4-to-the-floor-Bass.
Zimmer: Techno kann auch anders sein. Man kann aus dem Vier-Viertel-Takt ausbrechen, das machen zum Beispiel Künstler wie Henrik Schwarz, Leute, die dann auch in’s Berghain oder in die Panoramabar geholt werden, weil sie etwas Spezielles machen. Auch Egokind bricht manchmal aus dem Taktschema aus.

Wie hältst du dich „up to date“, was die Hörgewohnheiten der jungen Leute angeht?
Zimmer: Ich höre mir andere Künstler an und folge denen, die ich gut finde. Mir wird auch viel zugetragen, weil Leute sagen: „Hör dir das mal an!“ Ich durchstöbere Youtube und bookmarke alles, was interessant ist, um es später nochmal durchzugehen. Das kann auch ein Film sein, bei dem ich das Intro schön finde. Es gibt Tage, da fräse ich mich von morgens bis abends nur durch Musik.

Gibt es Momente, wo du denkst: „Krass, was die jungen Leute so hören!“?
Zimmer: Noch hören die Leute ja mich. (Lacht)

Du gehst aber jetzt auch auf auf die 30 zu. Macht sich der Altersunterschied zwischen dir und deinen jungen Hörern mittlerweile bemerkbar?
Zimmer: Mir fällt langsam auf, dass ich zu den Älteren gehöre. Speziell im Club, da bin ich mit meinem Alter an der Obergrenze. Aber das ist noch okay, weil ich so jung aussehe. Laut Facebook sind meine Zuhörer zwischen 18 und 25 Jahren und vorwiegend männlich – wenn man sich meine Auftritte anschaut glaubt man das kaum.

Trauen die Männer sich nicht zum Konzert?
Zimmer: Die stehen weiter hinten. Dadurch sieht es auf Fotos immer so aus, als ob nur Frauen da wären.

Orientierst du dich daran, dass deine Haupthörerschaft zwischen 18 und 25 Jahre alt ist?
Zimmer: Ich würde keiner Gruppe hinterhermusizieren. Wenn sich die Hörerschaft ändert, würde ich deswegen keine andere Musik machen. Mein Erfolg gibt mir ja auch recht, meine Musik so zu machen, wie ich will.

In der elektronischen Musik veröffentlichen Künstler wie du ja eher einzelne Tracks. Wozu braucht es ein Album?
Zimmer: Ich sehe mich gar nicht so sehr in der elektronischen Szene. Tatsächlich bewege ich mich eher aus ihr heraus. Ich bin ein Grenzgänger, das Club-Konzept kann man bei mir nicht so ganz anwenden. Ich spiele in Clubs, aber meine Sets bauen sich mehr als Konzerte auf. Ich gebe zum Beispiel Zugaben.

Du gibst Zugaben?
Zimmer: Ja. Es passiert ziemlich häufig, dass ich nach einem Set von beispielsweise zweieinhalb Stunden ein Outro auslaufen lasse. Dann rufen die Leute „Zugabe!“ oder eben nicht. Der nächste DJ weiß dann Bescheid, dass ich mindestens eine Zugabe gebe.

Spielst du dann einen eigenen Song?
Zimmer: Meistens. Oder etwas Außergewöhnliches, was ich lange nicht gespielt habe. Man kann auch einen alten Hit wieder ausgraben.

Zugaben sind ungewöhnlich für einen DJ.
Zimmer: Auch mein Album ist kein typisches Club-Album. Es sind ja nur zwei Club-Tracks dabei.

Du siehst dich also nicht mehr als Club-Künstler?
Zimmer: Doch. Ich komme ja von da und bereite immer noch fremde und meine eigene Musik für den Club auf. In manchen Liedern habe ich klassische Musik clubtauglich gemacht. Die Songs auf meinem Album gehen jetzt aber eher in Richtung Indie-Electro oder House-Pop.

Hier klicken, um das vollständige Interview zu lesen.

 

Matthias Reim

Das Interview mit Matthias Reim ist am 17.05.2014 in der Sächsischen Zeitung, sowie am 7.9.2014 in der Schwäbischen Zeitung erschienen.

„Männer gestehen sich ihre sanfte Seite nicht ein.“

Matthias Reim im ausführlichen Gespräch über Ehrlichkeit in der Musik, Initialzündungen, Männergeschichten, Familien-Patchwork und eine erfundene Herz-OP.

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Herr Reim, Florida, Ibiza, Mallorca – wo ist der Sommer am schönsten?
Matthias Reim: In Deutschland. Ich bin vor zwei Jahren an den Bodensee gezogen und habe festgestellt, dass der Sommer da alles toppt. Es macht dort so einen Spaß!

Also wozu in die Ferne schweifen…
Reim: Ich bin lang genug durch die Ferne gezogen. Ich hatte ein Haus in Kanada, in Florida, auf Ibiza und Mallorca. Kanada ist schwer zu toppen, muss ich zugeben, aber leider nur im Juli und August vom Wetter her begehbar. Als Sänger ist das allerdings meine Open-Air-Hauptsaison, deswegen habe ich mein Haus dort wieder abgegeben.

Was fehlte Ihnen im Ausland?
Reim: Am Anfang gar nichts, aber mit den Kindern kam die Identität langsam zurück. Ich wollte auch nicht, dass meine Kinder mit Fremdsprachen aufwachsen, also zum Beispiel Katalan. Damit hast du in Europa keine Chance. Wenn du in der Sprache dein Abitur machst, kannst du auch nur auf Katalan studieren – und dann kannst du gar nichts mehr. Das ist nicht fair! Außerdem kriegst du Fremdsprachen nicht so gut beigebracht wie in Deutschland, weil die Spanier Fremdsprachen wie Englisch weniger Bedeutung beimessen.
Ich finde es besser, wie jetzt in einer Kleinstadt zu leben. Es ist eine behütete Welt, die Kids gehen in eine richtige Kleinstadtschule und jeder kennt jeden. Ich habe das Gefühl, dass meine Kinder in diesem Umfeld sicher und geborgen sind und ich selbst fühle mich auch wohl in Kleinstädten.

Haben Sie im englischsprachigen Ausland auch Songs auf Englisch geschrieben?
Reim: Ja, in den USA habe ich mal ein ganzes Album auf Englisch gemacht. Das ist sogar in Kanada veröffentlicht worden. Das war aber nichts! Die deutsche Version von „Zauberland“ ist tausend Mal besser, weil die Worte im Original einfach eine andere Macht haben. In dem Moment, wo du es ins Englische überträgst, ist es… nett und verliert die Wucht. Das haben die Leute wohl auch so gesehen, sonst hätten sie es ja gekauft.

Wo gibt es diese englische CD?
Reim: Ich habe die selbst nicht mehr gehabt, deswegen habe ich sie neulich im Internet ersteigert, für 60 Euro. In Deutschland haben wir das damals gar nicht erst veröffentlicht. Das, was ich auf Deutsch geschafft habe mit einem englischen Album infrage zu stellen – blöder könnte ich gar nicht sein! Das will auch keiner von mir hören. Da würde ich keine 1.000 Stück verkaufen. Ich würde es mir auch nicht glauben. Ich beschreibe Emotionen und Geschichten, die Männern widerfahren – das könnte ich in einer anderen Sprache nicht, denn bei mir musst du zwischen den Zeilen lesen.

Konnten Sie an jedem Ort gleich gut schreiben?
Reim: Eine Zeit lang war ich so drauf: „Wherever I lay my hat that’s my home.“ Ich war überall zu Hause und konnte überall schreiben. Erstaunlicherweise waren andere Songs nie so erfolgreich, wie die, die ich am Bodensee geschrieben habe. (Lacht) Komisch. Ich glaube schon, wenn ich ununterbrochen in meiner Sprache kommuniziere, auch Konflikte lebe, mit Freunden spreche – dann kann ich mich in meiner eigenen Sprache ganz anders ausdrücken als in einer Fremdsprache. Das spielt eine Rolle.

Wie entstehen Ihre Songs, auch was die Instrumente anbelangt? Man liest ja oft, dass Sie alles selbst einspielen.
Reim: Jo! Ich bin ein Multitalent und auch multitaskingfähig. Naja, nicht immer. (Lacht)
Das entsteht alles bei mir im Studio, mein ganzes Dach ist ausgebaut mit Aufnahme-, Misch- und Relaxräumen, wunderbar! Schöner geht’s nicht. Wenn ich rausgucke, sehe ich den See, der meistens still und starr ruht.
Ich arbeite sehr gerne nachts. Wenn im Haus Stille einkehrt und die Kids bei Mama oder im Bett sind und sich nichts mehr bewegt, schreibe ich meine Texte. Die Instrumente spiele ich selbst ein und bei denen, die ich nicht gut spiele, hole ich mir Hilfe. Heutzutage geht das ja, ich muss dafür nicht zum Gitarristen Peter Weihe nach Hamburg fahren, sondern ich rufe meinen Arrangeur in Hamburg an, der nimmt es auf schickt mir die Datei einfach per Internet. Ich lege das dann an und die Sache ist erledigt. Oder wenn ich einen Chor brauche, rufe ich meinen Chorsänger in Berlin an und frage: „In zwei Stunden?“ Er sagt: „Geht klar!“ Zwei Stunden später mach ich meinen Computer an, und lad es runter. Das ist wirklich toll!

Welche Instrumente spielen Sie denn nicht gut genug?
Reim: Ich bin ein ziemlich guter Gitarrist, aber es gibt Gitarristen, die so geil spielen, weil sie nichts anderes machen. Und wenn ich ein Solo oder das Feeling nicht so hinbekomme, dann gebe ich das auch zu und lasse es einspielen. Für das Entwickeln eines Songs spiele ich aber alle Instrumente selbst. Das macht für mich das Songwriting natürlich viel einfacher, weil ich auf niemanden warten muss. Ich kann gleich loslegen. Ich habe die Emotion oder die Idee und kann sofort versuchen, sie musikalisch so nah an das, was ich denke, fühle oder mitteilen möchte, heranzubringen. Wenn du die Instrumente nicht kannst, geht das nicht. Dann musst du erst jemanden fragen: „Kannst du mir ein Demo davon machen? Ich stelle es mir ungefähr so vor…“ Aber dann ist der Zauber auch schon dahin.

Sie hatten mit „Verdammt Ich Lieb’ Dich“ Ihren größten Hit. Was macht einen Hit aus?
Reim: Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Hits kannst du nicht vorbereiten oder planen. Sie kommen oder sie kommen nicht. Ein Hit ist der passende Song zur richtigen Zeit oder einfach ein Song, dem man sich nicht entziehen kann. Es gibt Songs, die sind einfach so gut, dass sie, ob du willst oder nicht, zum Hit werden.

Musikalisch oder emotional gut?
Reim: Emotional gut. Ich glaube, kein Mensch hört einen Song gern, weil dort jemand Quantensprünge auf der Gitarre macht. Wenn ich das sehen will, leg ich mir abends eine DVD von David Gilmour ein. Das sind aber keine Hits. Hits sind Songs, die den Menschen direkt ins Herz marschieren, die sie wieder hören wollen. Hits sind zu einem großen Teil Glückssache.

Was war für Sie so ein Hit, der Ihren Nerv getroffen hat?
Reim: Mein Geschmack ist da sehr speziell. Zuletzt fand ich diese Nummer von Avicii „Wake me up“ sehr gut. Und „Dreamer“ von Ozzy Osbourne ist für mich ein Megahit. Ich lasse mich treffen von Songs, egal von wem die sind. Wobei ich jetzt auch nicht weiß, was genau mich da trifft. Das ist einfach der Zauber der Musik.

Hat dieser Zauber auch mit der Ehrlichkeit des Musikers zu tun?
Reim: Nein. Ehrlichkeit? Sicher sind bei meinen Songs oft die Texte die Ursache für den Erfolg. Aber wenn ich mir David Guetta anhöre, was ist daran ehrlich? Da weißt du teilweise ja gar nicht, wer gerade singt. Trotzdem ist es musikalisch einfach geil gemacht. Es berührt mich vielleicht nicht, aber es macht Spaß zu hören.

„Verdammt Ich Lieb’ Dich“ war damals aus Ihrer privaten Situation heraus entstanden…
Reim: Ja, ich hätte den Song ohne die Situation damals nicht schreiben können. Aber davon wussten die Leute ja nichts, als sie den Song zum Hit erklärt haben. Die haben den Song gehört und dachten: Das Gefühl kenne ich. Es ist ja auch ein Phänomen, dass dieser Song nicht alt wird. Der ist vor 24 Jahren entstanden, aber wenn ich heute in mein Publikum gucke, sehe ich da die 18- oder 25-Jährigen, die bei dem Lied die Arme hochreißen und mit dem Opa weiter hinten eine grölende Einheit bilden. Weil sich das Gefühl nie verändern wird. So sind wir Menschen – auf der Suche nach der Leichtigkeit des Seins.

Sind die erfolgreicheren Songs bei Ihnen eher die gewesen, die Sie sehr schnell geschrieben haben?
Reim: Das ist definitiv Fakt. Die Songs, die sich in einer halben Stunde texten und komponieren lassen konnten, waren die größten Erfolge. Plötzlich rollt es, es gibt beim Arrangieren keine Probleme und der Song ist in drei, vier Stunden fertig. Du kannst dann noch ein bisschen feilen, aber es eigentlich auch so rausschicken – es würde funktionieren. Das sind die schnellen Songs, die Initialzündungen, wo du nicht weißt, woher sie kommen. Das kannst du dir vorher nicht ausdenken. Auch die Zeilen nicht. Sie sind dir 30, 40 Jahre nicht in den Kopf gekommen, und dann sind sie plötzlich da. Warum!? Ich habe keine Ahnung.

Sie singen auf dem aktuellen Album: „Wer nie durch Scherben ging, hat nie gelebt“. Wie wichtig ist es für einen Künstler durch Scherben gegangen zu sein?
Reim: Ich kann da nur für mich sprechen, und meine Geschichte ist: Wenn alles funktioniert, kannst du nicht dazulernen. Wenn du immer nur gepampert wirst, dich nicht um Kohle kümmern musst, nicht um die Liebe – wenn du dich um gar nichts kümmern musst, dann hast du keine Ahnung wie vielseitig das Leben ist und wie schön es sich anfühlt, erfolgreich zu sein. Oder wieder erfolgreich zu sein. Oder wie schön es sich anfühlt, sich zu verlieben. Das kannst du nur erkennen, wenn du auch die andere Seite kennen gelernt hast.

Der Titel Ihres neuen Albums erinnert an das Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera.
Reim: Ja, dort habe ich die Zeile auch geklaut. Und das Wort „unerträglich“ habe ich bewusst weggelassen. Für mich geht es ja um die Suche nach den leichten Momenten. Diese Momente sind herrlich – aber das können sie auch nur sein, weil sie vergehen. Denn wenn du nur in diesem leichten Glücksgefühl leben müsstest, dann wird es unerträglich. Dann hast du nichts mehr, worauf du dich freuen kannst und auch kein Ziel mehr, auf das du hinarbeiten kannst. Deswegen müssen diese Momente der Leichtigkeit auch wieder vergehen.

Hier klicken, um das vollständige Interview zu lesen!

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