Mein Interview mit Femen

Zana Ramadani

Das Interview ist am 27.07.2014 im Tagesspiegel am Sonntag erschienen.

„Sollen wir unsere Weiblichkeit verstecken?“

Zana Ramadani, Mitgründerin von Femen Germany e.V., spricht im Interview über die Organisation von Sextremismus-Aktionen, Schönheitsideal, ihr Engagement in der CDU, Protest gegen den Islam, ihre Kindheit und eine Parodie von Stefan Raab.

Bildschirmfoto 2014-09-15 um 17.16.55

Frau Ramadani, was ärgert Sie aktuell in den Nachrichten so sehr, dass Sie dagegen gern mit einer Femen-Aktion protestieren würden?
Ramadani: Ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte. Mich ärgern die Anschläge der terroristischen Gruppierung Boko Haram. oder dass Erdogan in Deutschland seine Politik propagiert. Es gibt momentan so viel. Ich will aber nicht verraten, was wir als nächstes planen.

Wie lange im Voraus planen Sie denn eine Femen-Aktion?
Ramadani: Das hängt davon ab, ob es eine nationale oder eine internationale Aktion ist. Die Protestaktion bei „Germany’s Next Topmodel“ haben wir zum Beispiel lange im Voraus geplant, da wir den Termin der Show wussten. So konnten wir wochenlang darauf hinarbeiten. Die meisten Aktionen werden aber maximal drei Tage vorher geplant.

Schicken Sie dann einfach eine Mail an potentielle Aktivistinnen raus?
Ramadani: Man weiß vorher schon, wen man wo hin schicken kann. Das ist von der Aktion und der Aktivistin abhängig und davon, wer Zeit hat.

Ist denn jemand mehr oder weniger geeignet für eine Aktion?
Ramadani: Es gibt Aktivistinnen, die noch keine „Sextremismus“-Aktionen gemacht haben und in der direkten Attacke nicht geschult sind. Die können wir nicht zu einer Aktion schicken, der sie nicht gewachsen sind. Auch wenn es lustig aussieht, kann es extrem gefährlich werden. Wir hatten zum Glück noch nie Knochenbrüche, aber dafür Hemmatome und Schürfwunden. Man muss wissen, wie man fällt und darauf achten, dass man abrollt, wenn man zur Seite gestoßen wird, damit man nicht mit dem Kopf auf den Boden fällt. Solche Sachen trainieren wir.

Haben Sie eine Art Trainingslager für Femen in Deutschland?
Ramadani: Dafür würden uns die finanziellen Mittel fehlen. Aber immer wenn wir wir in einer größeren Gruppe zusammen kommen, üben wir. Manchmal trainieren wir im Wald, ab und zu kriegen wir von Unterstützern auch Räume zur Verfügung gestellt. Es geht auch nicht nur um den Selbstschutz bei einer Aktion, sondern man muss auch wissen, wie man die Botschaft richtig rüberbringt. Ein bisschen kreischen und lächeln bringt nichts – man muss sie mit seinem Gesicht und der richtigen Körperhaltung vermitteln.

Wenn ich bei Femen mitmachen wollen würde, welche Kriterien müsste ich erfüllen?
Ramadani: Als erstes muss man sich natürlich mit dem Manifest einverstanden erklären und verstanden haben, worum es wirklich geht. Femen ist keine Spaßaktion! Sportlich fit muss man nicht unbedingt sein, aber eine gewisse innere Stärke sollte man schon haben, da man sich auf sehr vieles gefasst machen muss.

Wenn ich mich über die Femen-Homepage bewerben will, muss ich ein Foto hochladen. Warum?
Ramadani: Weil ständig Männer versuchen, uns in die Irre zu führen.

Männer bewerben sich zum Spaß bei Femen?
Ramadani: Total viele! Die verstehen gar nicht, worum es geht. Die Frauen hingegen schreiben uns meistens direkt, wieso sie zu Femen wollen oder wie sie auf uns gekommen sind. Über die Kontaktdaten rufe dann ich oder ein anderes Vorstandsmitglied die Bewerberin an und man spricht erstmal miteinander. Das ist eine Art Vorab-Check, um zu sehen, ob es wirklich ernst gemeint ist.

Könnten Männer theoretisch mitmachen?
Ramadani: Natürlich. Wir haben ja auch männliche Unterstützer. Wir schließen Männer nicht aus, aber eine Femen-Aktion würde mit Männern in vorderster Front nicht funktionieren. Unsere Protestform wirkt nur mit Frauen so provokant.

Aber wie lange wird Protest mittels Nacktheit noch wirken? Die holländische Autorin Myrthe Hilkens beispielsweise spricht vom Trend der „Pornofizierung“ der Gesellschaft, durch den alle möglichen Lebensbereiche sexualisiert werden.
Ramadani: Ja, man will uns Frauen ja nur in einer Art und Weise sehen: schön, halbnackt, hochsexualisiert und in dieser Porno-Richtung. Immer nett, immer in einer gewissen Opferrolle, immer mit diesem halb geöffneten Mund – wartend auf den Mann. Doch niemand will Frauen stark, fordernd, selbstbestimmt, radikal oder aggressiv sehen. Deswegen ist die Reaktion auf uns so heftig.
Wenn es den nackten Protest irgendwann nicht mehr gibt, haben wir schon einen Teil erreicht – dann ist es normal geworden, dass man starke, selbstbestimmte, halbnackte Frauen sieht und ihnen Respekt entgegenbringt.

Nun verkörpern Femen-Aktivistinnen mehrheitlich das vorherrschende Schönheitsideal. Bekämpfen Sie das nicht eigentlich, wie zum Beispiel mit der Aktion bei „Germany’s Next Topmodel“?
Ramadani: Es geht nicht darum, ob eine Aktivistin schön ist oder nicht.

Doch es protestieren bei Femen vor allem schön anzusehende Frauen.
Ramadani: Frauen, die sich nicht zu hundert Prozent wohl in ihrem Körper fühlen, haben ein größeres Problem damit, sich für unsere Protestform zu entscheiden. Das ist aber ein gesellschaftliches Problem! Und es ist sicher abschreckend, wenn man sich beispielsweise die Kommentare unter Fotos von mir durchliest. Da schreiben Leute, ich sei zu fett, mein Busen würde zu weit runter hängen – mein Gott, ich bin 30 Jahre alt! Wenn sich die Schwerkraft bemerkbar macht, ist das völlig verständlich. Dass ich Kleidergröße 38 habe, finde ich schlank!

Gibt es auch Frauen, denen man erst mal erklären muss, dass es bei Femen um mehr als Brüste zeigen geht?
Ramadani: Ja, viele kommen in einem falschen Verständnis zu uns und haben das Manifest noch nicht mal gelesen. Das geht nicht!

Ursprünglich entstand Femen in der Ukraine, der deutsche Ableger Femen Germany e.V. ist seit 2013 registriert. Wie eng ist die Verbindung zur ukrainischen Organisation?
Ramadani: Wir betrachten uns als Freundinnen oder Schwestern und haben täglich Kontakt über E-Mail, SMS oder Skype. Wir haben gemeinsame Interessen und Ziele. Der Unterschied ist, dass wir bei den nationalen Aktionen in Deutschland andere Themen haben. Und dass wir unsere Organisation als Verein in Deutschland anmelden konnten. Aber es eint uns weltweit die gleiche Einstellung und ein gemeinsames Manifest, das allen Themen und Bewegungen zu Grunde liegt. Eine Gruppierung muss sich damit einverstanden erklären und die niedergeschriebenen Ziele verfolgen.

In den letzten Jahren gab es Mutmaßungen darüber, dass die ukrainischen Femen Geld für Protestaktionen bekommen hätten. Würden Sie es verwerflich finden, wenn Teilnehmerinnen bezahlt werden?
Ramadani: Ja, mehr als das. Es geht nicht darum, für Engagement bezahlt zu werden, sondern darum, auf ein Problem aufmerksam zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ukrainerinnen jemals für eine Aktion Geld angenommen haben. Dazu kenne ich die Frauen zu gut.

Wie genau finanziert sich der deutsche Verein?
Ramadani: Ausschließlich aus Eigenmitteln. Mit unseren Vereinsgeldern, die sich aus Spenden und den Einnahmen aus dem Verkauf von Merchandising-Produkten zusammensetzen, versuchen wir lediglich die Fahrtkosten der Aktivistinnen zu den Aktionen zu decken. Hin und wieder kaufen wir auch mal Farbe. Das zahlen wir aber alles immer noch größtenteils selber. Ich habe mittlerweile fast mein ganzes Erspartes für Femen ausgegeben.

Wie würden Sie die Ziele von Femen Germany definieren? Um Frauenrechte allein scheint es ja nicht mehr zu gehen, schließlich wurde auch schon gegen die Arbeitsbedingungen in Katar demonstriert.
Ramadani: Es geht nicht nur um Frauenrechte, sondern um Menschenrechte und Gleichberechtigung. Wir fordern kein Matriarchat, sondern dass jeder Mensch die selben Möglichkeiten hat, die vom Geschlecht und der Sexualität unabhängig sein sollten.

Sehen Sie Femen trotzdem als eine neue Strömung des Feminismus?
Ramadani: Nein. Die Nacktheit, die wir benutzen, ist nichts Neues. Sie ist im politischen Sinne schon im Mittelalter und auch viel früher benutzt worden.

Läuft man mit Femen aber nicht auch Gefahr zu einem Aspekt der Popkultur zu werden?
Ramadani: Sollen wir stattdessen das völlig falsche und dumme Bild von einer Feministin unterstützen, die sich die Haare abschneidet und nicht mehr schminkt? Sollen wir unsere Weiblichkeit verstecken, um uns Feministinnen nennen zu dürfen? Was sollen wir sonst machen, um komplett richtig wahr- und ernst genommen zu werden? Noch nicht mal eine Alice Schwarzer wird ernst genommen! Und das ist eine, die wirklich verdammt viel für unsere Gesellschaft getan hat.

Gab es Zeiten oder Situationen in Ihrem Leben, in denen Sie vom Feminismus genervt waren?
Ramadani: Eigentlich ständig (lacht). Mich nervt extrem, dass sich viele Feministinnen nur noch auf das Schreiben und Bloggen beschränken, wenige gehen auf die Straße und betreiben Feminismus und Aktivismus mit ihrer wahren Identität. Ich habe ein großes Problem damit, jemanden ernst zu nehmen, der sich hinter einem Pseudonym versteckt. In den letzten Jahren war der Feminismus nicht sonderlich in der Öffentlichkeit präsent. Es gab nur noch Alice Schwarzer. Wir Femen haben den Feminismus wieder öffentlich gemacht und aktiv in die Medien geholt.

Kriegen Sie auch Hassmails von Frauen?
Ramadani: Ja, von vielen Netz-und Blogger-Feministinnen. (Seufzt) Die mögen uns nicht!

Was schreiben die so?
Ramadani: Dass wir nicht tiefgründig genug sind und keine Thesenpapiere oder Bücher schreiben. Aber es geht nicht darum, noch zehn feministische Bücher zu schreiben oder tausend feministische Thesen aufzustellen – wir wissen doch, was wir wollen: Gleichberechtigung! Wieso muss das über Jahrzehnte ausdiskutiert werden, bevor man auf die Straße geht und dafür kämpft?

Ist die Beschäftigung mit Theorie im „neuen Feminismus“ wirklich out?
Ramadani: Völliger Unsinn! Wenn man sich für Menschenrechte interessiert, beschäftigt man sich automatisch von Anfang an mit Feminismus. Ich habe die ganze Bandbreite an feministischen Büchern zu Hause. Alice Schwarzers Werke bekam ich mit 15 Jahren von der Mutter einer Freundin in die Hand gedrückt. Genauso würden Sie bei den Aktivistinnen Klara Martens und Hellen Langhorst viele dieser Bücher finden.

Die Feministin Anna-Katharina Meßmer twitterte 2013: „Überlege für die Befreiung der Femen-Frauen zu protestieren. Sie sind Sklavinnen des Mediensystems“. Was entgegnen Sie dem?
Ramadani: (Lacht) Wenn sie meint, wir müssten befreit werden, dann kann sie sehr gerne für uns protestieren! Traurig ist nur, dass sie Frauen gegenüber so frauenfeindlich ist. Das ist Antifeminismus.

Hier klicken, um das vollständige Interview zu lesen!

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