Zwischen Aufbruch und Stillstand

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Der Hinterhof des Heims schäumt über als ich ihn an einem Samstagmorgen betrete. Soeben werden Teppiche gewaschen. Kleine Kinder springen barfuß durch das Nass. Ich lächele zwei Mädchen auf der Schaukel an. Schüchtern lächeln sie zurück. Ich bin aufgeregt. Wenig später begrüßt mich der 17-jährige Abdo. Er ist der älteste Sohn der syrischen Familie, die ich gleich kennen lernen werde. Ich folge ihm durch lange, dunkle Gänge.

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Auf engem Raum leben hier Menschen unterschiedlichster Kulturen Tür an Tür – parzelliert. Das Gebäude ist trostlos, abe ich bin nicht gekommen, um meinen Blick auf verschlissene Möbel zu richten. Ich möchte die hier Wohnenden kennenlernen und nicht auf ihre Lebensumstände reduzieren.

Wir machen Halt vor einer Tür. Knappe 34 m2 teilt sich die sechsköpfige Familie inklusive Großmutter. Wir sitzen am Tisch, die Hitze ist drückend. Während Mariam (44), die Mutter, einen arabischen Kaffee bereitet, muss sie sich um Betten und Wäscheständer herum schlängeln. “Wir haben versucht den Teppich sauber zu machen, aber das ist unmöglich” sagt sie fast entschuldigend. Irgendwie habe ich das Bedürfnis, mich zu entschuldigen. Als ich mich vorstelle, weiß ich eigentlich gar nicht als was. Journalistin? Ethnologin? Besucherin? Einfach nur Lovis?

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v.l.n.r.: Abdo (17), Roshan (14), Mariam (44), Susann (7), Hassan (47) und Hamida (70)

Wie bin ich eigentlich in diese Küche geraten?
Immer wenn ich in den Nachrichten von Flüchtlingsströmen lese oder die Lage am Berliner Oranienplatz, bei mir um die Ecke, verfolge, berührt meine Welt die der Geflohenen nur flüchtig. Als ich ein Seminar mit dem einschlägigen Titel “Staat, Migration, Menschenrechte. Kritische Perspektiven auf das EU-Migrationsregime” besuche, ändert sich das. Tagelang sitzen wir StudentInnen zusammen und diskutieren die EU-Flüchtlingspolitik, das Asylverfahren, die Grenzpolizei FRONTEX und vieles mehr. Ich fühle mich erschlagen, mein Kopf brummt. Obwohl um mich herum unzählige erhitzte Gemüter und engagierte Geister revolutionäre Gedanken denken und obwohl ich das Gefühl habe, dass sich hier viel bewegt, fühle ich mich klein. Die Dimension, auf der die EU Europa abschotten will, Boote voller Flüchtender im Mittelmeer versinken und MigrantInnen in alten Kasernen überall in Deutschland untergebracht und isoliert werden, ist mir unbegreiflich. Wie so oft weiß ich nicht, wie ich diese Missstände ändern kann. Außerdem ist mir die Draufsicht in der Uni zu akademisch!

In meiner Heimatstadt Forst (Lausitz) gibt es ein Asylbewerberheim. Ich kenne den unschönen Neubau in der Nähe der Kreisverwaltung. Ich bin fast 23 Jahre alt, habe 18 Jahre davon in Forst gelebt und bin immer nur daran vorbei gefahren. Das wollte ich ändern. Jetzt sitze ich hier und darf zu Gast bei einer syrischen Familie sein.

Vater Hassan (47) stopft Zigaretten und wir reden. Sieben Monate ist die Familie nun schon im Forster Asylbewerberheim. Vorher waren sie in der Sammelunterkunft Eisenhüttenstadt – einem “Lager” wie es so viele in Deutschland gibt – untergebracht. Die Wohnungssuche verläuft schleppend. Obwohl es eigentlich genug Möglichkeiten geben sollte, preiswert in Forst unterzukommen, ist die Miete oder Quadratmeterzahl immer etwas über dem gesetzlichen Limit. Wir wiederholen oft, dass es bestimmt bald klappt. Hasan fällt es als Familienoberhaupt sichtlich schwer, dieses ganze Provisorium hinzunehmen: “In Syrien hatte ich zwei Supermärkte und zwei Autos. Hier habe ich nicht mal ein Fahrrad.”

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Es ist schwierig bis unmöglich einen Job zu finden. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Wir freuen uns alle über Mariams Praktikumsplatz im nächsten Monat. Im Fernsehen läuft “Mission Impossible”.

Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Abdo und seine Schwester Roshan (14) können schon gut Deutsch sprechen. Sie gehen in Forst zur Schule. “In der Schule sagen sie, dass ich von den Ausländern am besten Deutsch sprechen kann. Das freut mich natürlich.”, sagt Abdo. Er zeigt mir ein Foto seiner Kumpels auf dem Handy. “Ich habe Facebook, Twitter Whatsapp und Instagram.” Er lacht. “Zur Unterhaltung.” Im Heim gibt es nicht viele Möglichkeiten sich zu beschäftigen oder häuslich einzurichten. Der einseitige Alltag muss solange überstanden werden, bis die Familie eine Wohnung, Jobs und damit eine reale Chance bekommt, sich selbst zu verwirklichen.

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Aus diversen Texten und Studien in der Uni kenne ich die Folgen der Isolation durch solche Unterkünfte: Wer allein ist, kann vereinsamen. Wer jahrelang wartet, wird depressiv. Zur Langeweile verurteilt, wird die Seele belastet. Ich habe Respekt vor diesen Menschen!

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Wie oft vergessen wir die Hintergründe einer solchen Flucht, weil wir uns nicht vorstellen können, wie es ist, wenn im Heimatland zu bleiben, keine Option mehr darstellt. Wenn man kaum Besitz mitnehmen kann, wenn man in einem fremden Land ankommt und sich einreiht in eine Schlange von Asylantragstellern.

Susann (7) ist die Kleinste im Bunde. Sie schaut den Film “Bärenbrüder” auf Deutsch. Die Geschwister können schon mitsprechen. Nach einer Weile sacke ich Abdo und Roshan in mein Auto ein und wir fahren durch Forst.

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Der Bahnhof war der erste Ort, den Abdo gesehen hat als die Familie in Forst ankam. Abdo zeigt mir auch den kostenlosen Geräteraum im “Kultur- und Begegnungszentrum Park7”, in dem er ab und zu trainiert.

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Begegnungen mit Forstern außerhalb der Schule sind bisher noch selten. Während ich versuche, Ihnen mehr von Forst zu zeigen als sie zu Fuß bisher erreichen können, strahlen unsere Gesichter immer mehr. Beide können nicht aufhören mich zu siezen, dabei sind wir sogar fast im selben Alter. “Sagt ‚du‘!” bitte ich sie immer wieder.

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Abdo und Roshan erzählen, dass die Familie schon ein Mal Besuch von einer Reporterin bekommen hat. Sie wollte wissen, wie es in dem “Lager” in Eisenhüttenstadt war. Auf die vermutlich traumatischen Erlebnisse und Fluchtgründe will ich das Gespräch nicht lenken, aber als ich frage, wie ihnen Forst gefällt, sagt Abdo: “Es ist schön hier und es ist besser als im Krieg zu leben.”

Ich begreife, dass diese beiden Jugendlichen neben mir, einen weiten Weg gemacht haben und immer noch machen. Forst ist jetzt der Ort, an dem sie keine Bomben hören müssen und ruhig schlafen können. Wir stehen auf den Überresten, der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Brücke, die einst über die Neiße führte und blicken zusammen auf das andere Ufer – nach Polen.

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“Was willst du mal werden?” frage ich Abdo. “Designer vielleicht.” antwortet er.

Letztendlich verbringen wir einen ganzen Tag miteinander. Die Geschwister wünschen sich, eine Kirche von innen zu sehen. Also fahren wir in die Euloer Kirche. Die beiden klimpern auf der Orgel und wir besteigen gemeinsam den Kirchturm. Hoch oben blicken Abdo und Roshan über Forst. Die zahlreichen Gruppenbildern, die gemacht werden, postet Abdo sogleich bei Facebook.

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Die zahlreichen Gruppenbildern, die gemacht werden müssen, postet Abdo sogleich bei Facebook.

Als wir zurückkehren, ist die Gastfreundschaft groß. Großmutter Hamida (70) backt arabisches Brot, dazu gibt es Kebab. Stillschweigend und genüsslich essen wir.

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Anders als am Anfang, stelle ich keine Fragen mehr. Wir haben unsere sehr unterschiedlichen Realitäten vermengt und uns ohne viele Worte kennengelernt. Ich freue mich, ein Mensch mehr zu sein, den sie in Forst kennen. Ich bin froh, dass das verschlagzeilte Thema “Flüchtlinge” nun nicht mehr nur Medieninhalt oder ethnologische Problematik für mich ist. Ich bin dankbar, dass ich den Schritt gemacht habe, den so viele nicht tun, weil sie wie ich erst nicht wissen, wie man den Anfang machen oder worüber man reden soll. Viele gehen von einem negativen Klischee des “Asylanten” aus, ohne eine wirkliche Vorstellung von deren Leben zu haben.

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Seit fast drei Jahren tobt in Syrien der Bürgerkrieg. Der UNO-Flüchtlingskommissar António Guterres teilte im Februar 2014 mit, dass innerhalb des Landes mehr als 6,5 Millionen Menschen vor den katastrophalen Zuständen auf der Flucht sind. Mindestens 2,4 Millionen Syrer konnten vor der Gewalt über die Grenze fliehen. Die Flucht vor dem Krieg oder der Wunsch nach einem Leben unter besseren Bedingungen treiben Menschen an, den beschwerlichen Weg nach Europa auf sich zu nehmen. Dabei ertrinken jedes Jahr unzählbar Viele im Mittelmeer. Die Geflüchteten leben dann oft in als “Lager” bezeichneten Sammelunterkünften, unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen. Sie hoffen darauf, bleiben zu dürfen. Sie warten.

Wie unser Abschied verläuft? Es gibt viele Küsschen und Abdo tippt schon die erste Whatsapp-Nachricht an mich, obwohl ich noch nicht mal aus der Tür bin. “Wann kommst du wieder?” fragen sie und ich sage: “In zwei Wochen”. Dann werde ich ihnen die Fotos bringen, die ich gemacht habe. Wir hatten einen guten Tag und ich eine alltägliche Erkenntnis, fernab von akademischer Zerstückelung. Die Distanz zwischen unseren Realitäten ist verringert. Eine Brücke ist gebaut.

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v.l.n.r.: Susann, ich und Abdo

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Der Artikel erscheint am 27. Juni 2014 in der Lausitzer Rundschau.

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3 Gedanken zu “Zwischen Aufbruch und Stillstand

  1. Ich finde den Artikel super geschrieben. Ich finde ein jeder Forster sollte sich einmal ein Bild über das Leben im Flüchtlingsheim machen. Wir haben es auch schon getan.

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