Die Verrückten

Berlin. Soweit normal. Doch den täglichen Trott von A nach B  zerreißt plötzlich eine laute Stimme. Aus dem Klumpen der Menschenmasse spähen vielzählige Augen vorsichtig umher. Knisternde Spannung liegt in der Luft. Es ist wieder so weit: Berlin gehört ganz den Verrückten.

Alle paar Tage erscheint er fristgerecht: Der Wahnsinniggewordene, Irrgeistige, Frustrierte. Es passiert untertage im U-Bahn-Hof, aber auch in der Hektik der Lidl-Schlange. Manchmal passiert es leise. Eine Frau unterhält sich mit ihrem unsichtbaren Begleiter, für den sie einen Platz in der Straßenbahn freigehalten hat. Oft passiert es auch laut. Einer, der gerade noch Teil unseres alltäglichen Rudels war, schreit Hals über Kopf seine Empörung heraus. Welch ein Katzenjammer! Gern wird die Politik als Thema gewählt und kein gutes Haar mehr an ihr gelassen. Verzweiflung, Ohnmacht, Wut. Wir zucken zusammen.

Kürzlich schrie ein Herr in Endlosschleife immer wieder ein unverständliches Wort von einer Brücke über die Spree – unweit ein Sicherheitsmann, der ausgiebig gähnte. Im Grunde sind sie friedlich, unsere Verrückten. Sie wollen einfach nur reden und werden laut, damit wir zuhören. Es ist wie ein Versuch, mit der großen Berliner Anonymität und dem aneinander Vorbeigerenne zu brechen. Wer von uns weiß schon, was genau ihnen passiert ist. Brennend interessiert uns das nicht gerade. Nachzufragen ist keine wirkliche Option. Dennoch sehe ich in den Gesichtern ringsum eine aufflackernde Reaktion. Kinder, die noch starren dürfen, fragen flüsternd bei den Eltern nach: „Was ist mit dem da?“

Ja, man kann fast die Uhr nach ihnen stellen. Es fällt regelrecht auf, wenn der Großstadtdschungel tagelang ohne diese Unterbrechungen vorbeirauscht. Ein bisschen verstehe ich diese Ausrastenden. Natürlich weiß ich, dass es hierbei psychologische Diagnosen und Erklärungen gibt & dennoch: Er, der da breitbeinig und die Hände in die Seiten gestemmt zwischen den Tischen des Restaurants steht und ganz doll mit den Gästen schimpft, auf sie und alles wettert, verschafft mir einen Moment der Klarheit. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich schluchzen oder schmunzeln will.

DSC02041cut„Menschenklumpen“

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