La Gomera oder wo die Hippies hin sind…

Groß ist die Welt und eigentlich lautet meine Parole gern „Niemals zurück“, denn es gibt zu viel zu sehen. Doch manchmal findet man einen Ort, an den man zurückkehren möchte. Die wilde Bucht namens „Chinguarime“ auf der kanarischen Insel La Gomera ist so einer.

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Auf dem Weg nach „Chinguarime“

Hier leben Aussteiger, Hippies und die, die es gern werden wollen in wohnlichen Höhlen. Es gibt keinen Strom, es gibt nur Steine und das Meer.

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Die Bucht „Chinguarime“

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Reisende Musiker in der „Main Cave“

Nach „Chinguarime“ kommt man, um alle Hüllen fallen zu lassen. Um sein Süppchen über dem Feuer zu köcheln. Man kommt, um seinen Gedanken nachzuhängen, vielleicht auch um ein Problem aufzuarbeiten oder seine Träume zu beobachten.

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Hier kommt man ohne Regeln aus. Eine aber gibt es und die steht groß an der Felswand geschrieben:

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Meine Freundin Johanna und ich haben die Höhlen in einem anderen Sommer schon mal besucht. Damals waren wir ganz allein im Areal und fanden die zahlreichen Behausungen ohne Bewohner vor. Dieses Mal war die Bucht voll „ausgebucht“. Tatsächlich hatten wir Mühe eine Höhle zu finden.

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Es geht besinnlich in „Chinguarime“ zu – auch für uns. Wir sind barfuß, tauchen in die Brandung ein, trocknen nackt auf den heißen Steinen, aber am meisten beschäftigen uns die Menschen, die wir hier treffen. „Wollt ihr heut Abend mit uns am Feuer eure Träume deuten?“. Oder: „Habt ihr Lust eure Träume zu malen?“ heißt es. Wir treffen Wolfgang, den Freud-Anhänger. Wir hören uns an, dass scheinbar jeder hier sein eigenes, wichtiges Projekt beackert. Ein älterer Mann jongliert nackt mit fünf Keulen.

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Wir treffen den jungen Daniel. Er hat sich viele Hektar Land auf der Nachbarinsel La Palma gekauft und baut dort eine Höhle aus – mit Tür, Putz und Küchenzeile. Vater geworden ist er auch gerade. Er „spürt“ so einiges: uns, die Energie des Ortes oder wenn jemandes Geist zu sehr vom „Ratio“ dominiert ist.

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Daniel

Wir fühlen uns, als würden wir an einem Workshop zu Spiritualität teilnehmen. Den ganzen Tag hören wir zu, hören wir an, was diese Menschen hier alle zu sagen haben. Unser Schädel brummt in der Sonne. Dann sind wir plötzlich laut einem grobschlächtigen, düsteren Roland, „zu weiß“, um Energie in uns zu investieren. (Das heißt übersetzt: Wir kommen frisch mit dem Flugzeug aus „Babylon“ und sind noch keine 5 Monate in der Bucht zu Gange). Schon beim ersten Mal als wir ihn trafen, funkelte er uns über seine Flöte hinweg feindselig an. Langsam demaskiert sich diese „Kommune“ von selbst!

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Tatsächlich fliegt schon bald der erste Stein… Elektra, Rolands barbusige Gattin, bekommt eine „Hass-Neurose“ und wirft brüllend einen Brocken gen Roland. Diesen bekomme ich allerdings fast ab. Streit in der Hippie-WG! Vielleicht sogar Krieg zwischen den beiden Höhlenkomplexen? Wir sind baff und erschrocken. Die vielen, kleinen, dreckig, zerzausten Kinder trollen sich in’s Unterholz.

Wenig später treffen wir einen Schamanen. Peter. Lange Loden, Sonnenbrille, aber ansonsten ganz normal. Er betreibt eine Natur- und Wildnisschule am Inn. Wir nehmen die Pseudo-Hippies mit Humor.

Eigentlich sind wir ja auch nur hergekommen, um unser Süppchen über dem Feuer umzurühren.

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Wir ziehen weiter. Wollen nicht mehr „zu weiß“, zu „Babylon“, zu „Student“, zu unspirituell sein. Wir wandern durch drei Buchten und über drei Berge zurück in die Zivilisation.

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Auf dem Weg nach „Playa Santiago“

Gerade im „Spar“-Markt angekommen, werden wir sofort aufgegriffen. Der nächste Teil unseres spirituellen „Workshops“ beginnt. Wir sitzen im Auto von Claude und Loraine, einem Nicht-Pärchen, das eine abgelegene Thunfischfabrik gekauft hat, um deren Land zu bebauen und dort zu leben.

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Sie sind irgendwie auch hippie (was auch immer dieses Wort eigentlich noch bedeutet!) und hatten wie wir „Chinguarime“ über. Zwei Stunden dauert es, den Abhang zu ihrer versteckten Bucht hinab zu wandern.

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Die alte Thunfischfabrik

Wir besichtigen das Anwesen. Hier soll mal im großen Stil „healing“ stattfinden – Heilungszeremonien und so was. Oha, wir sind wieder drin in der Spirituose! Wir bewässern Mangobäume, dazu klingt Rihanna solarbetrieben aus riesigen Boxen. Eine natürliche Wasserquelle gibt es auch, die haben die beiden „mit Hilfe von Meditation gefunden“.

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Das alte Gemäuer ist zerlöchert, Pflanzen wachsen aus dem Beton, eine Jurte steht im Hof.

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Zwei Menschen. Eine Fabrik am Arsch der Welt. Den Müll müssen sie per Fischerboot abtransportieren, deswegen produziert man erst gar keinen. Kerzenlicht beim veganen Abendbrot. Das Toilettenhäuschen ist mehr Zierde als alles andere.

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Fit sind die beiden. Schließlich schleppen sie, wandern sie, räumen Stahlträger beiseite, schaffen Wasser an die Pflanzen. Wir sehen, dass man mit Löchern in den Wänden muggelig leben kann.

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Wohnzimmer

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Küche

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Chillecke

Wir haben uns zaghaft dem Thema „Spiritualität“ angenähert. Schön war’s. Der Schädel brummt wieder. Oder immer noch?

Jedenfalls müssen wir weiter nach La Palma. Wir denken über alles nach, während wir auf ein Boot warten, das uns mitnimmt.

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7 Gedanken zu “La Gomera oder wo die Hippies hin sind…

  1. Hallo

    Interessanter text.
    Vorallem der teil mit der fischfabrik.
    Sind selber mal dorthin gewandert. War eine interessante Ecke.
    Liebe grüsse.

  2. Hallo, hört sich so wunderschön an!
    Ich bin 16 und wollte mit einer guten Freundin einfach mal komplett raus aus dem ganzen warnsinn. Ich wollte fragen, ob man dort jetzt noch immer in der schweinebucht schlafen kann oder ob die komplett leer ist, wenn man im Sommer fährt? Würde gerne einfach eine Alternative zu den Hotels mit Pools die man niemals verlässt.
    Vielen Dank!
    Jonas

  3. Hallo.

    Interessante reise!
    Auuch ich fahre mit frau und kind im Februar auf die Kanaren.
    Gibt es eine Möglichkeit das paar der fischfabrik zu besuchen und eventuell 2 bis 3 tage bei ihnen zu bleiben?
    Bzw. Wo befindet sie sich.

    Lg lucas

    1. Lieber Lucas, es gibt bestimmt die Möglichkeit das Paar in der Fischfabrik zu besuchen. Ich habe leider keine Handynummer oder ähnliches von den Beiden. Ich glaube sie war in La Cantera (Alajeró, La Gomera). Wir sind mehrere Stunden über einen Weg hinab gestiegen. Wenn ihr ein Bott habt könnt ihr auch in die Bucht fahren oder euch absetzen lassen. Ich wünsche euch viel Erfolg!

  4. Ich war auch etwas geschockt über das Verhalten einiger Bewohner bei meinem letzten Besuch in Chinguarime. Es gibt dort authentische Menschen, aber leider auch mal feindliche. Was schwer nachvollziehbar ist, da dort alle kostenlos leben und diese Menschen eigentlich „voller Liebe und Respekt zueinander“ leben (wollen). Wir (zwei Frauen und ein Mann) haben wieder jede Menge Post zu Freunden gebracht – die sind nun einmal schwer erreichbar und haben keine eigene richtige Adresse. Da niemand dort war, verbrachten wir den Tag an Strand und wollten eigentlich auch über Nacht bei unseren Leuten bleiben, wie wir es öfter taten, da wir eine Fahrtzeit von fast 2 Stunden hatten. Mein Mann lebte vor 8 Jahren auch mal lange Zeit dort, wir lernten uns in der Zeit kennen und lieben.
    Er traf einen alten Bekannten, der sich selbst als Schamane bezeichnete, aber außer genervt rumschnalzen und grimmig schauen, offensichtlich nichts weiter tat. Wir Frauen wurden von ihm ignoriert.
    Kaum lagen wir in den Steinen kam eine ältere nackte Frau mit ihrem (erwachsenen!) Sohn auf Französisch wetternd um uns herum und starrte uns an, während sie im Meer ihr Geschäft erledigte. Ihr Sohn selbst traute sich nicht, die Hose auszuziehen und bekam Schimpfe, weil er uns ansah. Nachdem die Frau aus dem Wasser kam, warf sie mit Steinen in unsere Richtung. Wir gingen zum anderen Strand rüber, hatten allerdings immer noch die Blicke der Frau bei uns und freuten uns als unsere Freunde kamen. Wir tranken mit ihnen nur einen Tee und fuhren lieber nach Hause.

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